Müssen wir glücklich sein wollen?

Warum ist das dein Ziel? Warum willst du dein Studium beenden, warum den einen Investor finden, der an dich glaubt? Warum das Paper abgeben, um dich Doktor zu nennen, warum wieder mit deiner alten Schulfreundin Kontakt aufnehmen? Warum mit einem Ring vor der oder dem einen knien? Warum hast du all die Arbeit auf dich genommen? Vielleicht willst du einen Job bekommen, in dem du Menschen helfen kannst? Vielleicht willst du endlich ein gutes Vorbild für deine Kinder sein. Vielleicht willst du dich kreativ ausleben und dich selbst verwirklichen. Vielleicht willst du mit deiner einen großen Liebe eine Familie gründen.

Und warum willst du das? Warum eine Familie? Ist das Leben nicht einfacher, wenn man nur sich selbst ernähren muss? Was hilft es dir, dich kreativ auszuleben? Warum ein gutes Vorbild für deine Kinder sein? Was bringt es dir überhaupt, anderen Menschen zu helfen? Die Antwort ist einfach: Man möchte glücklich sein!

Aber müssen wir eigentlich wirklich glücklich sein wollen? Wir alle streben unser ganzes Leben nach diesem “Glück”, aber war irgendjemand schon mal wirklich glücklich? Hast du schon mal das Gefühl gehabt, wirklich sagen zu können: “Jetzt gerade bin ich vollkommen glücklich.” Nein, das hast du nicht. Also was ist dieser Zustands des Glücks überhaupt?

Hierbei lässt sich eine meiner Meinung nach sehr simple aber zutreffende Definition von John Stuart Mill anführen. Es gab und gibt viele Definitionen von vielen Philosophen über das Glück: Epikur war überzeugt von Minimalismus, Augustinus von Hippo sah Glück nur durch Gott und Seneca war davon überzeugt, Natur würde glückselig machen. Mill fasst das ganze jedoch sehr simpel und logisch zusammen: Die Minimierung jedweden Leids und die Maximierung jedweder Freude sei der Weg zum Glückszustand. Auf Basis dieser Theorie lässt sich nun begründen, ob wir glücklich sein wollen müssen.

Auf der einen Seite lässt sich annehmen, dass keiner von uns jemals vollkommen glücklich war. Werden wir überhaupt glücklich? Ich kann mich an keinen Moment erinnern, an dem ich dasaß und die vollständige Abwesenheit von Leid bzw. die absolute Anwesenheit von Freude gespürt habe. Und das bestätigt diese Definition, da dieser Zustand der absolutenFreude bzw. der vollkommenen Abwesenheit von Leid wirklich nur als Perfektion verstehbar ist. Das naheliegendste Erlebnis, das in der Gegenwart stattfindet, welches sich mit Glück vergleichen lässt, ist wohl ein kurzer Moment der Euphorie. Am ehesten verbindet man Glücksgefühle aber mit vergangenen Situationen, die für einen nostalgisch geworden sind. Zum Beispiel als man mit anderen Jungs am Lagerfeuer saß, als man zur Einschulung seine Schultüte bekommen hat oder die Geburt der eigenen Kinder. Warum hätte man sich also damals nicht als glücklich bezeichnen sollen? Ganz einfach: Weil man es nicht war. Damals hätte man sicherlich eine ganze Liste an Problemen und Dingen, die einem Leid zufügen, erstellen können. Im Jetzt hat man das alles vergessen, die negativen Dinge sind verblasst und wir erinnern uns primär nur noch an die positiven Gegebenheiten. Da so das Leid quasi vollständig abwesend bzw. vergessen ist, sind es die Momente, die dazu noch viel Freude beinhalten, bei denen wir denken, dass wir uns damals glücklich gefühlt haben. Das macht dahingehend Sinn, dass es diese Momente sind, in denen wir dem Glück nach der Definition von Mill am nächsten sind. Ähnliches passiert auch bei kurzen Momenten der Euphorie in der Gegenwart. Hier sind es lediglich kurze, euphorische Momente, da schnell wieder die Probleme, die man gerade erträgt, auffallen. Menschen sind also so unperfekt, dass sie diesen Zustand des Glücks, nach dem wir alle uns alle sehnen, nie erreichen können. Es gibt aber trotzdem Menschen, die ein zufriedenes Leben führen. Deswegen lässt sich die Frage, ob das Glücklich sein ein Muss ist, mit dem jetzigen Stand verneinen. Wir können ja sowieso nie wirklich und vollkommen glücklich sein, weshalb mit dem Ziel des Glücks an etwas zu arbeiten zu nichts führt und wir alle auch einfach nicht glücklich sein wollen können. Indirekt bedeutet das aber auch, dass wir, wenn wir lernen, schon in dem Moment, den wir gerade erleben, das Leid zu vergessen, das uns gerade stört, wir so nah an das gegenwärtige Glück kommen können, wie es menschenmöglich ist. Von etwas Ähnlichem war auch Aristoteles überzeugt, dieser sagte: “Das Glück gehört denen, die sich selber genügen.”

Es gibt aber noch einen weiteren Blickpunkt auf die ganze Thematik. Die menschliche Psyche ist sehr kompliziert und es ist nicht nötig, alles genau nachvollziehen zu können, aber es ist trivial zu sagen, dass wenn man den aktiven Willen hat, glücklich zu sein, sich das meist aus einem Mangel dieses Zustandes ergibt. Keiner von uns würde das Ziel haben, glücklich zu sein, wenn wir alle schon glücklich wären, was direkt darauf schließt, dass wir alle auf die eine oder andere Weise unglücklich sind, was genau dieses vorher thematisierte Leid ausmacht. Hier kommt nun ein interessanter Effekt ins Spiel. Er wird “Self Fulfilling Prophecy” oder “Matthew Effect“ genannt. Dieser Effekt lässt sich eigentlich sehr einfach erklären: Du bekommst das, wofür du aufmerksam bist. Wenn zwei Menschen auf einem Waldweg laufen, und einer der beiden entscheidet sich dafür, seine Aufmerksamkeit den Blumen, Vögeln und den Pflanzen am Wegesrand zu schenken und der zweite Spaziergänger aufgrund seiner nagelneuen Schuhe auf Hundehaufen, Kuhfladen und Regenpfützen auf dem Weg achtet, dann wird schnell deutlich, wer wohl die schönere Wanderung haben wird. Wenn wir also in unserem Alltag auf positive Dinge oder Kleinigkeiten achten, werden wir uns der vielen positiven Dinge in unserem Umfeld bewusst und wir werden final glücklicher. Dieses Prinzip ist weitbekannt und wird von vielen Experten beschrieben, z.B. Shawn Achor in “The Happiness Advantage”: “The point is, […] what we spend our time and mental energy focusing on can indeed become our reality.” (P. 11) Wenn wir also, hypothetisch gesehen, die Frage, ob wir glücklich sein wollen müssen, bejahen, gehen wir danach indirekt durch unser Leben mit dem von außen (Facebook, Instagram, e.g.) oktroyierten Ideal, glücklich zu sein. Dadurch suchen wir aktiv nach Punkten, bei denen wir unglücklich sind und werden so im Rahmen der Self Fulfilling Prophecy nur noch unglücklicher. Ein intrinsischer Fokus auf Positives führt hingegen in eine positive Spirale, die einen nur noch näher in Richtung des absoluten Glücks bringt. Wir müssen also nicht glücklich sein wollen, wir dürfen glücklich sein wollen, wenn wir gerade Lust haben. Dieser Unterschied klingt trivial, ist tatsächlich aber sehr wichtig. Dem menschlichen Gehirn darf nicht das Gefühl vermittelt werden, dass es zu etwas gezwungen wird, da dies nur in eine negative Spirale führt.

Um das ganze Thema noch einmal zusammenzufassen: Selbst ein Zustand, der auch nur dem Glück annähert, ist sehr fragil. Meist erleben wir diesen Zustand nur in kurzen Momenten der Euphorie oder durch einen nostalgischen Rückblick, und wenn wir das tun, werden wir meist schnell wieder in die Realität zurückgeworfen.

Müssen wir glücklich sein wollen? Nein. Wir können es anstreben. Wir können manchmal sogar lernen, glücklicher zu sein, indem wir die eigenen Probleme zwischenzeitig verblassen lassen und unseren Fokus auf Positiveres lenken. „Eine übermäßige Analyse kann positive Gefühle zerstören. Positive Emotionen sind flüchtig und äußerst fragil, und doch bilden sie zusammen genommen eine Macht, die letztendlich den Verlauf unseres Lebens grundlegend verändern kann.“ (Barbara Frederickson, aus „Die Macht der guten Gefühle“). Denn im Endeffekt sind wir als Menschen immer noch unperfekt und man sollte, anstatt eines Fokus darauf, unbedingt glücklich sein zu wollen, lieber versuchen, nach den Rosen am Wegesrand Ausschau zu halten.

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