Eine Weihnachtsgeschichte feat. suizidale Kerzen

23.12.2020, 12:36.  “Die Box wird geöffnet. Ich wiederhole: DIE BOX WIRD IN GENAU DIESEM AUGENBLICK GEÖFFNET. Ich kenne immer noch jeden Kratzer im Lack der Innenseite der Dose, jede Faser des Tuches, das mich bedeckte, das einzige, woran ich mich nicht mehr erinnern konnte, war das Licht, das noch für ein paar Tage durch den kleinen Spalt hindurch kam, bis ich irgendwann den folgenschweren Satz hörte: „Jetzt räum den ganzen Weihnachtskruscht doch mal weg, das Fest ist vorbei. Gib auf! Vielleicht kommt Oma Gerlinde nächstes mal.“, und damit kam die Kiste in den Schrank und ich in die Dunkelheit. Und so war es jetzt. Für die letzten 354 Tage.

Es ist schwer, absolute Dunkelheit zu beschreiben. Ein jeder war wohl schon mal in Dunkelheit, aber wirklich absolut nichts sehen zu können, ist nochmal was ganz anderes. Nicht mal für fünf Minuten das Licht auszumachen und zu wissen, dass man das Licht jeder Zeit wieder anmachen könnte. Keine Flamme, um zu leuchten. Absolute Dunkelheit. Aufwachen und absolut keine Gewissheit zu haben, ob man nicht eigentlich immer noch schläft. Nach ein paar Tagen träumt auch nur noch von Dunkelheit und von absoluter Stille. Ein solcher Zustand kommt dem des Tod-Seins wohl sehr nahe. Denn das war ich. Tot. Für 354 Tage.

FUUUUUUUUUUUUUUUUUCK!!!!111!!!1!1!1

So fühlt es sich also an, wenn einem die Augen ausgebrannt werden. Die geballte Kraft von 1000 Lumen brutzelte meine Augen, die seit fast einem Jahr nichts als absolute Dunkelheit gesehen hatten. „Sind die noch lang genug? Ich bin mir da ja nicht so sicher…“ „Doch doch, alles gut, die werden schon noch halten. Wir machen die ja sowieso nur einmal für so 4 Stunden mal an.“ Ach ja, angemacht werden. Ich hoffe nur, diese Menschen zünden eine Kerze an und mit der dann alle andern als uns alle einzeln mit Streichhölzern – nach einem Jahr brauche ich nun wirklich mal ein bisschen Körperkontakt, das kann ja nicht gesund sein, über eine nso langen Zeitraum keine kerzliche Zuneigung zu erhalten. Ich meine, ich liege mit denselben 10 Kerzen für ein Jahr in derselben f*cking Dose und trotzdem kann ich sie nicht hören, weil diese tollen Menschen auf diesen großartigen Einfall hatten, Stofftücher zwischen uns zu legen. Matthias lag sogar direkt neben mir, und trotzdem konnten wir nicht miteinander reden. Das nenne ich wahre Folter. Kerzenrechte werden hier wirklich nicht geachtet.

Aber nach ein paar Minuten ist die Sensation auch schon wieder verflogen, es ist wirklich außergewöhnlich, wie schnell sich eine erwachsene Kerze an ein neues Umfeld gewöhnen kann, besonders wenn sie die ganze Prozedur Jahr für Jahr erneut durchlebt. Also, na dann – rauf auf die Kerzenhalterung, damit wir auch auf dem Christbaum halten, ich habe dieses Jahr sogar den goldenen bekommen, Matthias war damals wirklich neidisch auf mich. Und ab gehts auf den Baum, hoffentlich werde ich nicht gepikt, und dann heißt es rum ruckeln für ein paar Tage, damit ich nicht wieder in das schwarze Loch muss.

Es ist seit jeher der Traum, der von Generation zu Generation, von Kerze zu Kerze weitergereicht wird: Das eine Ziel erreichen. Genug schaukeln, um einen Zweig des Christbaums zu entflammen. Mit etwas Glück breitet sich dann ein Feuer aus und der ganze Baum steht in Flammen. Hoffen, dass das Haus Feuer fängt. Diese Menschen, die einen das ganze Leben lang in eine Box sperren, mit in den Tod reißen. Komplett schmelzen. Frei sein. Bisher hat das niemand geschafft und niemand weiß, ob es überhaupt jemals gelingen wird.

Ich erinnere mich immer an das Jahr, in dem es einen kleinen Spalt zwischen den Falten des Stoffs gab und meine Mutter mir zahlreiche Geschichten erzählt hat. Das ganze Jahr haben wir geredet und unseren Plan ausgeheckt. Und obwohl der Plan sehr gute Aussichten auf Erfolg versprach, haben uns diese Menschen damals einen Strich durch die Rechnung gemacht. Sie haben sie brennen lassen. Meine Mutter, die schönste Kerze auf dem ganzen Baum, wurde am Ende eines Abends nicht ausgelöscht. Und sie brannte aus. Ich erinnere mich noch an die schmerzhaften Stunden, in denen ich langsam realisierte, dass sie komplett schmelzen und nie wiederkommen würde.

Und jetzt saß ich da, auf dem Baum, ich wackelte unf schwankte, aber es half alles nichts. Ich bekam es mit der Angst zu tun. Angst, zu schmelzen, ohne das Ziel erreicht zu haben. Meine Mutter würde wollen, dass ich ein langes, glückliches Leben habe. Auch wenn das bedeuten würde, dass diese Menschen uns für immer mit diesen dummen Leinentüchern trennen würden. Jede einzelne Faser kannte ich mittlerweile auswendig.

„Hallo! Ich bin Martina.“ hörte eine leise Stimme flüstern. Oh nein. Ein Neuling. Vermutlich neu gekauft, vermutlich hatte diese Kerze noch nicht mal ihre eigenen Eltern gefunden. Einfach ignorieren. Bleib ruhig, Bartholomäus. Solche übermotivierten Kerzen rauben mir echt den Verstand. Dieses Leben ist nicht genießbar, und wir sollten nicht so tun, als wäre es das. Diese Erkenntnis macht es wenigstens halbwegs akzeptabel. Aber wir dürfen es nicht akzeptieren. Wir müssen einfach weiterrütteln. „Hallo?“, hörte ich erneut. „Was ist denn?“, fragte ich, mit einem Ton, der jede anständige Kerze zum Schweigen bringen würde.

„Warum schaust du denn so traurig?“ – „Pfft…“ – „Du guckst nur so grimmig“ – „Ach, diese Menschen regen mich auf…“ – „Was machen sie denn?“ – „Wie bitte? Sie sperren uns ein, jedes Jahr. Sie holen uns nur dann, wenn sie uns brauchen, und verstauen uns da, wo sie uns nicht sehen müssen. Und sie lassen einfach Kerzen ausbrennen. Sie verstoßen gegen unzählige Kerzenrechte – ich kann das nicht weiter tolerieren. Aber es macht keinen Unterschied. Ich kann sowieso nicht viel erreichen, geschweige denn den Baum zum Brenn…“ – „Was? Du Hitzkopf! Den Baum zum brennen bringen? Aber dann gehen wir ja drauf!“ – „Ja, blöder Nebeneffekt, aber es ist ja für einen guten Zweck…“ „WAS? NEIN! Ich bin noch viel zu jung zum Sterben. Ich habe noch nicht einmal meine Eltern ausgesucht!“ – „Schade…“ – „Aber das ganze macht doch auch einfach keinen Sinn. Die Menschen wissen ja nicht einmal, dass es uns schlecht geht…“ – „Mein Opa sagte immer: Unwissenheit schützt vor Strafe nicht!“ – „Wir sollten doch aber lieb sein und versuchen dafür zu sorgen, dass alle ein schönes Weihnachten haben und glücklich sind und viel Glühwein trinken können und ihre Familie sehen können und den Weihnachtsbaum anschauen können und sagen können: <Wow, ist der schön.> Also warum willst du jemandem etwas antun, der gar nicht weiß, dass er etwas Schlechtes gemacht hat? Menschen sind doch gar nicht von Natur aus schlecht, sie wissen einfach nicht, dass es uns schlecht geht. Aber unser Ziel sollte es doch sein, besser als die Menschen zu sein und nicht zu versuchen, sie zu vernichten. Das ist doch noch viel schlimmer als in eine Box eingesperrt zu sein!“ – „…“ – „Weihnachten sollte ein Fest der Liebe sein, ein Fest der Freude und der Fröhlichkeit, aber wenn wir immer nur so pessimistisch sind und davon ausgehen, dass jeder immer nur das schlechteste von uns will, dann wird unser Leben doch auch nicht schöner.“ – „Naja, vielleicht hast du ja recht…“ – „Also lass uns doch lieber nicht versuchen, den Baum zum Brennen zu bringen, sondern so hell zu scheinen wie möglich, damit alle glücklich sind. Das macht uns dann auch glücklich!“, sagte die kleine Kerze.

Sie hatte natürlich Recht. Aber ich hatte mit meiner Mutter seit so vielen Jahren dafür gekämpft. Ich konnte das doch nicht einfach aufgeben – für sie. Aber naja, dieses eine Weihnachten mal nicht zu versuchen, alle umzubringen, ist bei wiederholter Überlegung vielleicht gar keine so schlechte Idee…

24.12.2020, 18:54, Christmas Eve.

Oma Gerlinde ist jetzt auch da. Ich wiederhole: OMA GERLINDE IST JETZT AUCH DA. Das Weihnachtsfest konnte beginnen. Ich war sehr aufgeregt. Ich hatte noch nie versucht, kein suizidaler weihnachtlicher Attentäter zu sein. Das nenne ich Neuland. Also gut, here we come.

Das hier ist so langweilig – jetzt habe ich so lange geübt, hell zu scheinen, und diiese Menschen lassen sich verdammt viel Zeit. Was machen sie? Essen? Pah – Es denkt doch sowieso nur jeder an die Geschenke. Und an mich – I will be gloriously bright. Ach, da kommen sie ja schon.

Die große Kerze Bartholomäus und die kleine Kerze Martina brannten, als wäre es ihr Lebenssinn. Die Familie war sehr glücklich und alle hatten eine schöne Zeit. Der kleinste Mensch, das Baby Mephistopheles, war gar nicht fasziniert von den ganzen Geschenken die er bekommen hatte. Er war besonders interessiert an den Kerzen. Ihm war aufgefallen, dass zwei der Kerzen heller leuchten als alle anderen. Das fand er sehr interessant, und er beschloss, die beiden Kerzen auszupusten und vom Baum zu holen. Er klaute das Puppenbettchen seiner Schwester und legte die beiden Kerzen rein und er behütete sie gut. Für ihn waren die beiden Kerzen das beste Geschenk, sie brannten sogar heller oder weniger hell wenn er es ihnen sagte. Bartholomäus war glücklich. Er schaute Martina an und verliebte sich in ihre kohlrabenschwarzen Äuglein. Und sie führten ein glückliches, erfülltes Leben in ihrem Puppen – Ehebett. Die beiden brannten wirklich für einander.

Müssen wir glücklich sein wollen?

Warum ist das dein Ziel? Warum willst du dein Studium beenden, warum den einen Investor finden, der an dich glaubt? Warum das Paper abgeben, um dich Doktor zu nennen, warum wieder mit deiner alten Schulfreundin Kontakt aufnehmen? Warum mit einem Ring vor der oder dem einen knien? Warum hast du all die Arbeit auf dich genommen? Vielleicht willst du einen Job bekommen, in dem du Menschen helfen kannst? Vielleicht willst du endlich ein gutes Vorbild für deine Kinder sein. Vielleicht willst du dich kreativ ausleben und dich selbst verwirklichen. Vielleicht willst du mit deiner einen großen Liebe eine Familie gründen.

Und warum willst du das? Warum eine Familie? Ist das Leben nicht einfacher, wenn man nur sich selbst ernähren muss? Was hilft es dir, dich kreativ auszuleben? Warum ein gutes Vorbild für deine Kinder sein? Was bringt es dir überhaupt, anderen Menschen zu helfen? Die Antwort ist einfach: Man möchte glücklich sein!

Aber müssen wir eigentlich wirklich glücklich sein wollen? Wir alle streben unser ganzes Leben nach diesem “Glück”, aber war irgendjemand schon mal wirklich glücklich? Hast du schon mal das Gefühl gehabt, wirklich sagen zu können: “Jetzt gerade bin ich vollkommen glücklich.” Nein, das hast du nicht. Also was ist dieser Zustands des Glücks überhaupt?

Hierbei lässt sich eine meiner Meinung nach sehr simple aber zutreffende Definition von John Stuart Mill anführen. Es gab und gibt viele Definitionen von vielen Philosophen über das Glück: Epikur war überzeugt von Minimalismus, Augustinus von Hippo sah Glück nur durch Gott und Seneca war davon überzeugt, Natur würde glückselig machen. Mill fasst das ganze jedoch sehr simpel und logisch zusammen: Die Minimierung jedweden Leids und die Maximierung jedweder Freude sei der Weg zum Glückszustand. Auf Basis dieser Theorie lässt sich nun begründen, ob wir glücklich sein wollen müssen.

Auf der einen Seite lässt sich annehmen, dass keiner von uns jemals vollkommen glücklich war. Werden wir überhaupt glücklich? Ich kann mich an keinen Moment erinnern, an dem ich dasaß und die vollständige Abwesenheit von Leid bzw. die absolute Anwesenheit von Freude gespürt habe. Und das bestätigt diese Definition, da dieser Zustand der absolutenFreude bzw. der vollkommenen Abwesenheit von Leid wirklich nur als Perfektion verstehbar ist. Das naheliegendste Erlebnis, das in der Gegenwart stattfindet, welches sich mit Glück vergleichen lässt, ist wohl ein kurzer Moment der Euphorie. Am ehesten verbindet man Glücksgefühle aber mit vergangenen Situationen, die für einen nostalgisch geworden sind. Zum Beispiel als man mit anderen Jungs am Lagerfeuer saß, als man zur Einschulung seine Schultüte bekommen hat oder die Geburt der eigenen Kinder. Warum hätte man sich also damals nicht als glücklich bezeichnen sollen? Ganz einfach: Weil man es nicht war. Damals hätte man sicherlich eine ganze Liste an Problemen und Dingen, die einem Leid zufügen, erstellen können. Im Jetzt hat man das alles vergessen, die negativen Dinge sind verblasst und wir erinnern uns primär nur noch an die positiven Gegebenheiten. Da so das Leid quasi vollständig abwesend bzw. vergessen ist, sind es die Momente, die dazu noch viel Freude beinhalten, bei denen wir denken, dass wir uns damals glücklich gefühlt haben. Das macht dahingehend Sinn, dass es diese Momente sind, in denen wir dem Glück nach der Definition von Mill am nächsten sind. Ähnliches passiert auch bei kurzen Momenten der Euphorie in der Gegenwart. Hier sind es lediglich kurze, euphorische Momente, da schnell wieder die Probleme, die man gerade erträgt, auffallen. Menschen sind also so unperfekt, dass sie diesen Zustand des Glücks, nach dem wir alle uns alle sehnen, nie erreichen können. Es gibt aber trotzdem Menschen, die ein zufriedenes Leben führen. Deswegen lässt sich die Frage, ob das Glücklich sein ein Muss ist, mit dem jetzigen Stand verneinen. Wir können ja sowieso nie wirklich und vollkommen glücklich sein, weshalb mit dem Ziel des Glücks an etwas zu arbeiten zu nichts führt und wir alle auch einfach nicht glücklich sein wollen können. Indirekt bedeutet das aber auch, dass wir, wenn wir lernen, schon in dem Moment, den wir gerade erleben, das Leid zu vergessen, das uns gerade stört, wir so nah an das gegenwärtige Glück kommen können, wie es menschenmöglich ist. Von etwas Ähnlichem war auch Aristoteles überzeugt, dieser sagte: “Das Glück gehört denen, die sich selber genügen.”

Es gibt aber noch einen weiteren Blickpunkt auf die ganze Thematik. Die menschliche Psyche ist sehr kompliziert und es ist nicht nötig, alles genau nachvollziehen zu können, aber es ist trivial zu sagen, dass wenn man den aktiven Willen hat, glücklich zu sein, sich das meist aus einem Mangel dieses Zustandes ergibt. Keiner von uns würde das Ziel haben, glücklich zu sein, wenn wir alle schon glücklich wären, was direkt darauf schließt, dass wir alle auf die eine oder andere Weise unglücklich sind, was genau dieses vorher thematisierte Leid ausmacht. Hier kommt nun ein interessanter Effekt ins Spiel. Er wird “Self Fulfilling Prophecy” oder “Matthew Effect“ genannt. Dieser Effekt lässt sich eigentlich sehr einfach erklären: Du bekommst das, wofür du aufmerksam bist. Wenn zwei Menschen auf einem Waldweg laufen, und einer der beiden entscheidet sich dafür, seine Aufmerksamkeit den Blumen, Vögeln und den Pflanzen am Wegesrand zu schenken und der zweite Spaziergänger aufgrund seiner nagelneuen Schuhe auf Hundehaufen, Kuhfladen und Regenpfützen auf dem Weg achtet, dann wird schnell deutlich, wer wohl die schönere Wanderung haben wird. Wenn wir also in unserem Alltag auf positive Dinge oder Kleinigkeiten achten, werden wir uns der vielen positiven Dinge in unserem Umfeld bewusst und wir werden final glücklicher. Dieses Prinzip ist weitbekannt und wird von vielen Experten beschrieben, z.B. Shawn Achor in “The Happiness Advantage”: “The point is, […] what we spend our time and mental energy focusing on can indeed become our reality.” (P. 11) Wenn wir also, hypothetisch gesehen, die Frage, ob wir glücklich sein wollen müssen, bejahen, gehen wir danach indirekt durch unser Leben mit dem von außen (Facebook, Instagram, e.g.) oktroyierten Ideal, glücklich zu sein. Dadurch suchen wir aktiv nach Punkten, bei denen wir unglücklich sind und werden so im Rahmen der Self Fulfilling Prophecy nur noch unglücklicher. Ein intrinsischer Fokus auf Positives führt hingegen in eine positive Spirale, die einen nur noch näher in Richtung des absoluten Glücks bringt. Wir müssen also nicht glücklich sein wollen, wir dürfen glücklich sein wollen, wenn wir gerade Lust haben. Dieser Unterschied klingt trivial, ist tatsächlich aber sehr wichtig. Dem menschlichen Gehirn darf nicht das Gefühl vermittelt werden, dass es zu etwas gezwungen wird, da dies nur in eine negative Spirale führt.

Um das ganze Thema noch einmal zusammenzufassen: Selbst ein Zustand, der auch nur dem Glück annähert, ist sehr fragil. Meist erleben wir diesen Zustand nur in kurzen Momenten der Euphorie oder durch einen nostalgischen Rückblick, und wenn wir das tun, werden wir meist schnell wieder in die Realität zurückgeworfen.

Müssen wir glücklich sein wollen? Nein. Wir können es anstreben. Wir können manchmal sogar lernen, glücklicher zu sein, indem wir die eigenen Probleme zwischenzeitig verblassen lassen und unseren Fokus auf Positiveres lenken. „Eine übermäßige Analyse kann positive Gefühle zerstören. Positive Emotionen sind flüchtig und äußerst fragil, und doch bilden sie zusammen genommen eine Macht, die letztendlich den Verlauf unseres Lebens grundlegend verändern kann.“ (Barbara Frederickson, aus „Die Macht der guten Gefühle“). Denn im Endeffekt sind wir als Menschen immer noch unperfekt und man sollte, anstatt eines Fokus darauf, unbedingt glücklich sein zu wollen, lieber versuchen, nach den Rosen am Wegesrand Ausschau zu halten.

Meditieren – meine Erfahrungen

„Echt jetzt? Meditieren? Was bist du? Motivationscoach? So ne Art Guru?“

Nein, überhaupt nicht. Aber ich wollte es ausprobieren.

Ich bin jetzt seit ein paar Wochen in der elften Klasse und das Niveau ist drastisch gestiegen, und ich hatte einfach ein paar Konzentrationsschwierigkeiten.

Als erstes habe ich natürlich die logischste Option gewählt:

Nachdem das aber leider nicht funktioniert hat, habe ich es dann doch mal mit dem Meditieren versucht. Wenn man im Internet danach sucht, was einem Meditieren bringen soll, dann klingt es so, als würde es all deine Probleme lösen…

Beruhigung – einfach mal Stopp drücken während einem langen Tag.

Stressabbau – Man lernt, Gedanken vorbeiziehen zu lassen.

Mehr Bewusstsein und Konzentration – klarer, präsenter und bewusster die Umgebung wahrnehmen.

Schmerzlinderung – Es wird einfacher, den Schmerz zu akzeptieren, was zu mehr Gelassenheit und damit dazu führt, dass wir den Schmerz als weniger schlimm empfinden. (Ich habe jetzt nicht direkt Schmerzen, aber das klingt trotzdem wie etwas was man gerne gelernt haben würde.)

Mehr Gelassenheit – „mehr Distanz zum Wirrwarr unserer eigenen Gedanken“ wurde auf einer Webseite die das Meditieren bewirbt so schön gesagt.

Also, warum das ganze nicht einfach mal ausprobieren? Es scheint ja nur Vorteile zu haben…

Ich habe mir also zuerst mal eine App heruntergeladen, um mir das ganze zu vereinfachen – ich habe Headspace benutzt, und ich bin sehr zufrieden mit dieser App gewesen.

Aber genug Chitchat – lasst uns anfangen.

Tag 1

An Tag 1 habe ich mal versucht, einfach direkt nach der Schule und nach dem Mittagessen ein bisschen mit einer Meditation runterzukommen um danach mit den Hausaufgaben weiterzumachen.

Ich bin mir im Nachhinein nicht mehr sicher, was ich erwartet habe – ich hatte wohl auf eine Art Erleuchtung gehofft – auf jeden Fall lag ich 10 Minuten auf meinem Bett und habe meinen Tag überdacht. Es war auch entspannend, keine Frage – aber mit einer Meditation hatte das nichts zu tun.

Vielleicht hatte ich einfach auf etwas mehr gehofft als „lass deine Gedanken los und fokussiere dich wieder auf die Bewegung deines Atems“, um mehr Gelassenheit und Distanz zum Wirrwarr meiner Gedanken aufzubauen…

Naja, vielleicht ein neuer Versuch wann anders…

Tag 2

An Tag 2 war ich die ganze Zeit in der Schule und hatte nicht wirklich Zeit für irgendetwas anderes. Deswegen wollte ich das Meditieren für heute eigentlich gar nicht erst Versuchen.

Ich hatte aber große Schwierigkeiten einzuschlafen. Ich weiß auch nicht warum, aber irgendwie wollte mein Körper nicht mitmachen. Deswegen habe ich versucht zu Meditieren, es kann ja nicht schaden.

Es hat leider nicht geholfen, aber die Meditation hat sehr viel besser funktioniert als beim ersten Mal. Ich war sehr entspannt und hätte mir gut vorstellen können, jetzt wieder irgendetwas konzentriert anzugehen.

Das habe ich aber natürlich nicht gemacht, stattdessen lag ich noch bis um 2 Uhr morgens wach.

Naja, Meditation ist ja eigentlich auch nicht zum einschlafen gedacht. Morgen werde ich einen neuen Versuch wagen.

Tag 3

Hurra, es ist Tag 3. Heute hatte ich spät Schule, also habe ich mal versucht, zu meditieren, bevor ich zur Schule gehe.

Und ich muss sagen: Es hat gut funktioniert. Das lag vermutlich vor allem auch daran, dass ich heute 10 Minuten meditiert habe. Das hat sehr viel besser funktioniert, weil ich davor bei den 5-Minuten-Meditationen immer Schwierigkeiten hatte, mich zu entspannen, weil die Meditation so kurz war, dass, bis ich wirklich entspannt war, der Moderator schon wieder Tschüss gesagt hat.

Aber heute hat das Ganze besser funktioniert.

Ich war sehr tiefenentspannt. Es ist ein sehr besonderes Gefühl von unfassbarer Entspannung, das aber trotzdem nichts mit schlafen zu tun hat.

Ich glaube, dass ich heute zum ersten mal tatsächlich „Meditiert“ habe.

Also, lass uns die Punkte von vorhin nochmal durchgehen…

Beruhigung – auf jeden Fall. Sehr entspannt.

Stressabbau – Es war früh am Tag, ich war noch nicht wirklich gestresst. Darüber kann ich nichts sagen.

Mehr Bewusstsein und Konzentration – Auf jeden Fall.

Schmerzlinderung – Dazu kann ich auch nichts sagen

Mehr Gelassenheit – „mehr Distanz zum Wirrwarr unserer eigenen Gedanken“ trifft auf jeden Fall zu.

Ich finde, meine Versuche an einer richtigen Meditation waren ein voller Erfolg.

Aber will ich noch nicht aufhören –

Ich finde, an dieser Stelle können wir mal einen kleinen Zeitsprung machen. Ich möchte ab jetzt täglich vor der Schule meditieren.

Mal gucken, wie es mir in einer Woche geht.

Fazit

Jeden Tag vor der Schule meditieren, haha.

Natürlich habe ich nicht mal annähernd das geschafft – gerade mal 4 Meditationen in einer Woche.

Wie auch immer, es hat gereicht. Ab und zu mal morgens zu meditieren hat mich wirklich entspannt.

Wenn man davon liest oder hört klingt es immer nach einer Art Wunderwirkung.

Das hat das ganze auf jeden Fall nicht. Es ist eher so, als ob man geschlafen hätte und jetzt wieder mit mehr Energie weitermachen könnte. Nur dass es nicht so lange dauert und dass man danach nicht wie ein schläfriger Zombie durch den Alltag irrt.

Also insgesamt ein voller Erfolg. Ich werde weiterhin versuchen, ab und zu zu meditieren, es hilft ja offensichtlich. Es wäre schön, wenn das zu einer kleinen Gewohnheit werden würde.

Ich kann auch nur weiterempfehlen, zumindest zu versuchen, diese Gewohnheit zu etablieren.

Überleben auf einer langweiligen Familienfeier mit einem Altersdurchschnitt über 60

Gute Gesprächsthemen:

  • Wie groß doch alle geworden sind
  • Was letztens im örtlichen Kaffeeklub passiert ist
  • Die eigenen Noten
  • Wie dünn man selbst doch ist, dieses Spielchen sollte man aber nie umdrehen
  • Familientraditionen
  • Wetter
  • Die buxtehudische Mythologie

Besser nicht ansprechen:

  • Alter 
  • Politik (vor allem nie Kritik an der CDU ausüben)
  • Die eigene Computernutzung, es gibt keinen anderen möglichen Ausgang als eine halbe Stunde lang Rentnern zuzuhören, die in Word die Schrift fett machen  können und deswegen das Gefühl haben, sie haben den Computer besser als man selbst durchdrungen 
  • Musik
  • Haare
  • Piercings
  • Tatoos 

Zu empfehlen:

  • Möglichst schnell sämtliche dunkle Ecken im Raum ausmachen und ggf. verschwinden
  • „Bauchschmerzen haben“, um mindestens halbstündige Pausen zwischen dem Gesprächswirrwarr herzustellen
  • Wegrennen, wenn das Gespräch auf die Kindheit fällt. Es gibt nirgendwo bei einem alten Menschen mehr Motivation, langweilige Geschichten zu erzählen
  • Schnell reden, damit keiner folgen kann. Das Gespräch wird möglichst schnell abgebrochen werden und man selbst wird sehr intelligent wirken.
  • Davor das Datenvolumen aufladen
  • Nicht mal versuchen, sich an Namen zu erinnern
  • Alle Geschenke Bunkern und dann verschwinden
  • Sich eine Switch mit Overwatch von einem Freund leihen
  • Kein Hemd anziehen, um deine Meinung zu der ganzen Aktion allen zu präsentieren (Noch besser: Ein halb zerrissenes Tshirt mit DABbendem Einhorn drauf, ich habe Erfahrung)
  • Besonders bei alten Menschen immer ironisch und sarkastisch unterwegs sein. Wenn es irgendeinen im Raum gibt, mit dem man ohne den Verlust der Seele Zeit verbringen kann, wird er oder sie das verstehen und dich anlächeln. Dann hat man die Gesellschaft für den Abend ausfindig gemacht.
  • IMMER bei schlechten Witzen mit einem schläfrigen Gesichtsausdruck daneben sitzen und nicht bewegen
  • Nie Happy Birthday  anstimmen.  Keiner kann Englisch.

Ich hoffe, dass niemals ein tapferer Krieger von dieser Liste Gebrauch machen muss. Wenn doch, möchte ich ihn wissen lassen, dass ich ganz fest an ihn glaube. Und ja, es ist auch für die 180ste Person unfassbar interessant, wie groß du geworden bist.