Von Superhelden und Dolores Umbridge

Ich bin jetzt offiziell Schüler im Dover College! Der Tag läuft folgendermaßen ab:

Es klingelt. Um viertel vor sieben. Dann heißt es: Youtube anschmeißen und Krawattentutorials gucken! Bald gibt es dann auch schon Frühstück – sehr englisch (Wurst. Wurst und Bacon) – und dann geht es ab in die Schule. Aber nicht als Klasse, nicht sortiert, jeder hat einen eigenen, selbst gewählten und zusammengestellten Stundenplan, dem jeder folgt. Und das funktioniert überraschenderweise tatsächlich. Sogar sehr gut: Niemand schwänzt. Niemand gibt sich keine Mühe. Im Laufe des heutigen Tages war mir nie langweilig. Der Unterricht fühlt sich mehr wie eine AG an – die Lehrer scherzen herum, es ist eine gute Stimmung, ich würde auch freiwillig hingehen.

Mein Stundenplan sieht so aus:

CDM ist Creative Digital Media – sehr spannend. Wir reden über Psychologie, wie man z.B. einen Film aufbauen muss, um ihn für den Zuschauer mitreißend zu gestalten, und vieles anderes. Zum Beispiel: Es hängen in dem Zimmer viele Bilder an der Wand, die erklären, wie verschiedene Kamerawinkel wirken. Und wir werden lernen, wie man es mit Virtual Reality hinbekommt, dass sich diese Bilder (so Hogwarts – mäßig) bewegen, wenn man das Smartphone draufhält. Wir lernen aber zum Beispiel auch solche Theorien:

Nine Eleven hat Amerika und die ganze Welt erschüttert, man hat sich unsicher gefühlt. Was war das Resultat in den Medien? Superheldenfilme wurden gehypt wie nie. Die Idee von Menschen, die Dinge verhindern können, die Amerika mit seinem Militär nie verhindern könnte, hat den Menschen gefallen, sie haben sich (wenn auch nur während der Laufzeit des Films) sicher gefühlt. Aber jetzt, ein paar Jahre später? Die Tragödie ist vorbei und wurde verkraftet. Und die Menschen wissen: Superhelden existieren nicht. Die Menschen haben keinen Grund, (fiktiven, aber das ist in der menschlichen Psyche egal) Helden, die sie retten könnten, hinterherzufiebern. Was ist daraus die direkte Konsequenz? Militärfilme werden wieder beliebter. Mit Dunkirk wurde getestet, ob das Konzept funktioniert, und jetzt kommt, nach 34 Jahren, ein Sequel zu Top Gun in die Kinos. Wenn man darauf aufbaut, welches Genre wird in ein paar Jahren den Weg zurück in den Mainstream gefunden haben? Liebesfilme und Komödien. Irgendwann haben die Menschen keine Lust mehr auf Gewalt, man möchte ja Abwechslung, und deswegen ist es sehr wahrscheinlich, dass ein ganz anderes Filmgenre relevant werden wird. Und die Theorie macht schon echt Sinn. Davon bin ich fasziniert. Aber weiter mit den anderen Fächern:

EAL steht für English for Foreigners, wir schreiben Summaries, halten Vorträge und spielen Spiele. Der selbe Unterricht, den ich auch in Deutschland kriege. Nur von einer Frau, die die selbe Frisur wie Dolores Umbridge hat.

Drama steht für Drama. Wir üben Chicago mit ungefähr 40 anderen Leuten ein. Wird auch aufgezeichnet. Mal gucken, wie das wird.

Photo steht für Photographie – sehr Kreativitätsfördernd. Es ist eigentlich wie bildende Kunst in Deutschland, nur besser. Wir kriegen ein sehr unspezifisches Thema – z.B. Blau oder Fahrradfahren. Dann müssen wir malen, fotografieren, photoshoppen, was auch immer wir wollen um unsere Vision umzusetzen. Und dann kriegen wir ein großes Buch, in dem dargestellt werden soll, was für Methoden wir verwendet haben, was unsere Zwischenstände waren und was am Ende das finale Stück ist. Ich habe mich für das Thema Blau entschieden – mal gucken, wie das wird.

Gibt es irgendwas am Internatsleben, das euch noch interessiert?

Schreibt mir doch einfach einen Kommentar.

Viele Grüße aus England!